Andacht (als Beitrag)

»Hier geschieht, was Gott durch den Propheten Joel angekündigt hat:
Wenn die letzte Zeit anbricht, dann gieß ich über alle Menschen meinen Geist aus. Eure Söhne und Töchter werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieß ich zu jener Zeit meinen Geist aus, und sie werden als Propheten reden. – Apostelgeschichte 2,16-18

Die Apostelgeschichte berichtet uns, dass zu Pfingsten die Prophezeiung des Propheten Joel in Erfüllung ging, dass allen Menschen Gottes Geist gegeben wurde. Heute gilt daher für uns alle: Wir sind Propheten Gottes.

Was sind Propheten? Propheten sind Menschen, die Gott zu seinen Sprecherinnen und Sprechern, seinen Botinnen und Boten macht. Propheten verkünden, was Gott den Menschen in einer bestimmten Situation zu sagen hat. Das kann Mahnung und Gerichtsdrohung sein, aber auch Trost und Ermutigung. Propheten messen die Gegenwart am Willen Gottes. Sehen sie, dass in der Gegenwart irgendetwas gegen den Willen Gottes geschieht, kritisieren sie die Verletzung der Menschenrechte, Ungerechtigkeit und unmenschliches Verhalten. Die Propheten blicken aber auch in die Zukunft. Sie entwerfen Bilder über eine gute, heilvolle kommende Zeit für die Menschen.
Jesus stand beim Volk Israel im Ansehen eines Propheten. Der Heidelberger Katechismus bezeichnet ihn als unseren obersten Propheten, der uns den Willen Gottes von unserer Erlösung vollkommen offenbart. Wir sind aufgefordert, als Propheten in seine Fußstapfen zu treten.
Stellt sich die Frage: Was sollen wir verkünden? Die Apostelgeschichte sagt auf der Grundlage der Worte des Propheten Joel, dass junge Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind, Visionen haben werden. Und die alten Menschen werden prophetische Träume haben.
Was sind Visionen? Visionen sind traumartige Erscheinungen, Bilder, die in meinem Kopf, in meinem Herzen, vor meinem inneren Auge entstehen, Bilder von dem, wie ich mir das Leben wünsche, wie Gott sich das Leben für uns Menschen wünscht. Prophetische Träume sind dem ganz ähnlich. Es sind Tagträume und Nachtträume.
Träume werden in der Bibel auch als ein Weg genannt, auf dem sich Gott uns Menschen zeigt, uns seinen Willen für unser Leben offenbart.
Und es ist ja auch so: Jeder Mensch träumt jede Nacht, immer, wenn er schläft. Manchmal können wir uns an Träume erinnern, meistens aber eher nicht. Im Traum verarbeitet unsere Seele die Erlebnisse der vergangenen Zeit. Wenn unsere Seele im Traum etwas verarbeitet, dann zeigt dies, dass sie dieses belastet hat. Der Alptraum, der mich aus dem Schlaf aufschrecken lässt, zeigt mir, was für mich nicht gut ist und gibt mir Hinweise darauf, was in Zukunft anders werden muss, damit es mir gut geht. So blicken Träume auch voraus in die Zukunft.
Es gibt Träume, die sich vielleicht nie oder nur teilweise erfüllen lassen, aber Träume und Visionen sind immer hilfreich, um die Welt nach ihrem Maßstab zu gestalten. Träume helfen zu sehen, wo es etwas zu ändern gibt, denn sie kritisieren die Gegenwart.
Was sollen wir als Propheten Gottes verkünden? Wir sollen von dem sprechen, was uns unsere Träume zeigen, von dem, was Gott uns in unseren Visionen zeigt.
Junge Menschen haben Träume, Visionen für euer Leben. Diese Träume kreisen um Partnerschaft und Familie, auch um den Beruf, den man ergreifen möchte. Vielleicht kommen in den Träumen auch ein Haus und ein Auto vor, vielleicht auch Abenteuer, die sie erleben wollen.
Sicher zählen zu ihren Visionen auch Bilder von einer Welt ohne Gewalt, von einer unbeschädigten Natur, von einem friedlichen Leben. Diese Visionen teilen sie mit den Alten.
Wenn wir unserem Glauben treu bleiben, wenn wir an unserer Gemeinde, an der Kirche Jesu Christi mitgestalten, können wir einen Beitrag leisten zu einer menschenwürdigeren, menschenfreundlicheren Welt. Wenn wir die Gegenwart immer wieder an Gottes Gebot der Liebe zu unseren Mitmenschen messen, werden wir sehen, wo sich die Welt verbessern muss, sich verbessern lässt.
Auch die Alten haben noch Träume. Und sollten daran denken, dass die Jungen nicht auf der Welt sind, um alle Träume zu erfüllen, die die Alten haben.
Die Alten, gerade wenn sie Kirchenälteste sind, träumen aber doch davon, dass die jungen Leute mit ihnen zusammen die Kirche lebendig gestaltet. Dass, wenn sie eines Tages vielleicht selbst Kirchenälteste werden, dann auch noch Träume für die Kirche haben. Dass sie als weitere Nachfolger Jesu Christi dann mithelfen, die Welt für unsere Mitmenschen besser zu machen.
Am Anfang dieses Jahres haben wir uns nicht träumen lassen, dass dieses Jahr durch die weltweit verbreitete Infektion mit dem Coronavirus auch das kirchliche Leben durcheinandergewirbelt wird. Aber die Krise mit abgesagten Gottesdiensten und ausgefallenen Treffen der Gruppen und Kreise ist auch eine Chance, neue Träume, neue Visionen für die Kirche zu entwickeln.
Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche. Kirche ist mehr, Kirche kann mehr sein als das, was sie jetzt ist. Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Gemeinde der Menschen, die Gott heilig sind, ist ein Ort, an dem ich Träume, Visionen Wirklichkeit werden lassen kann, Träume von Glück und Geborgenheit, Vertrauen und Gemeinschaft, von Liebe und Frieden. Wenn wir uns aufmachen, unsere Visionen Wirklichkeit werden zu lassen, gibt Gott uns die Kraft seines Geistes unsere Träume wahr werden zu lassen.

Pastorin Eva-Maria Franke