Andacht (als Beitrag)

Verraten – uns zuliebe

Darauf ging Judas Iskariot, einer aus dem Kreis der Zwölf, zu den führenden Priestern, um ihnen Jesus in die Hände zu spielen. Sie freuten sich darüber und versprachen ihm Geld. Von da an suchte Judas eine günstige Gelegenheit, Jesus zu verraten. – Markus 14, 10 – 11

Warum tut Judas, was er tut? Warum wird er zum Verräter? Das Markusevangelium nennt uns keinen offensichtlichen Grund. Aus dem Gesamtzusammenhang des Markusevangeliums ist zu schließen, dass die Jünger in Jesus den von den jüdischen Gläubigen herbeigesehnten Messias sahen. Der Messias, auf Griechisch Christos, auf Deutsch Gesalbter, ist der Retter und Erlöser, der Heil und Segen Gottes mit sich bringt. Judas hat wohl gehofft, dass, wenn sich die Lage zuspitzt und der Druck auf Jesus immer größer wird, er sich dann endgültig und tatsächlich als der Messias erweist, indem er sich der Verhaftung durch ein Gottesgericht mit Pauken und Trompeten, mit einherfahrenden Engelsmächten, widersetzt und das Reich Gottes aufrichtet.
Oft bleiben Fragen nach dem „Warum“ der Dinge, die im menschlichen Leben geschehen, unbeantwortet. Fragen, die uns angesichts der Coronapandemie immer wieder in den Sinn kommen. Nach dem evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth gibt es zum Beispiel keine Lösung des sogenannten Theodizee-Problems, also der Frage, warum Gott, wenn er doch der allmächtige und gütige Gott ist, das Böse und das Leid in der Welt zulässt. Weitere Ansätze bei der Lösung der Theodizee-Frage liegen in der Annahme, dass Gott dem Menschen Freiheit und Eigenverantwortung in seinem Handeln lasse. Neutestamentliche Theologen wie zum Beispiel Klaus Berger weisen darauf hin, dass die Bibel selbst und damit der christliche Glaube nicht das Ziel habe, eine Antwort auf die Herkunft des Bösen zu geben, sondern eher darauf, dass Gott die Errettung daraus sei.
„Gott ist bei den Leidenden. Gott zieht uns nicht plötzlich aus dem Leiden, aber wenn wir leiden und angefochten sind, steht Gott uns bei.“, sagt Margot Käßmann, ehemalige Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Diese Betrachtungsweise auf biblischer Grundlage wird auch aus Reimpsalm 68 Vers 6 deutlich:

Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm, sei unserm Gott im Heiligtum, der Tag für Tag uns segnet, dem Gott, der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt und uns mit Huld begegnet. Sollt ihm dem Herrn der Herrlichkeit, dem Gott vollkommener Seligkeit, nicht Ruhm und Ehr gebühren? Er kann, er will, er wird in Not, vom Tode selbst und durch den Tod uns zu dem Leben führen.

Warum tut Judas, was er tut? Wollte er das Reich Gottes herbeizwingen? Wir wissen es nicht. Aber: Judas hat seinen Teil dazu getan, dass das Reich Gottes, Gottes neue Welt, durch Jesus Christus gekommen ist. Judas spielt eine tragische, aber wichtige Rolle.
Warum tut Judas, was er tut? Er tut es uns zuliebe. Denn das ganze Geschehen, das man – geschichtlich betrachtet – als miesen Verrat und Justizirrtum bezeichnen kann, ist uns zuliebe geschehen. Dass Jesus verraten wird, dass Jesus leidet, dass er gekreuzigt wird, alles dies geschieht uns zuliebe. Denn Jesu Leiden und Sterben ist die Voraussetzung für unsere Versöhnung mit Gott. Durch Jesu Leiden und Sterben ist alles an Sünde und Schuld aus der Welt geschafft, was uns von Gott trennen könnte. Wir sind mit Gott versöhnt und mit ihm als der Quelle allen Heils verbunden.
Jesus von Nazareth hat sich durch Worte und Taten, durch sein Leiden und Sterben als der Messias erwiesen. Und seine Auferstehung brachte es endgültig zutage: Er ist der Sohn Gottes, der König und Herr über Leben und Tod. Mit ihm kommt das Reich Gottes, das Friedensreich ohne Leid und Tod.
Warum tut Judas, was er tut? Er tut, was er tut, für uns. Darum ist es an uns zu fragen: Wie gehen wir nun heute mit dem um, was uns von Judas berichtet wird?
Es ist an uns, Jesus als unseren Messias zu erkennen, Jesus zu unserem König zu krönen und in sein Reich einzutreten. Denn sind wir in sein Reich eingetreten, finden wir Frieden mit uns selbst. Wir können uns selbst annehmen, wie Jesus uns angenommen hat. Und aus unserem inneren Frieden heraus können wir Frieden schaffen. Wir können geduldig hoffen und Jesus nicht verraten aus Geldgier, aus Streben nach Macht und Einfluss, wir können unseren Egoismus ablegen und das Böse nicht zulassen.
Sie freuten sich darüber. So heißt es von den führenden Priestern, als Judas ihnen versprach, Jesus zu verraten. Letztlich können auch wir uns freuen, dass Judas Jesus verriet, dass er die tragische, aber wichtige Rolle für uns übernahm. Denn durch Judas erfahren wir: Jesus Christus ist unser Retter und Erlöser. Durch Judas erfahren wir: Gott liebt uns.

Pastorin Eva-Maria Franke