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Andacht (als Beitrag)

„Für uns steht fest: Gott nimmt die Menschen an, obwohl sie die Forde-rungen des Gesetzes nicht erfüllt haben. Er nimmt jeden an, der sich auf das verlässt, was er durch Jesus Christus getan hat.“ – Römer 3,28

Ein junger Mann, 22 Jahre alt, geht zu Fuß von Mansfeld nach Erfurt. Dicke schwarze Wolken ziehen über den Himmel, heftige Windböen zerren an den Kleidern des Mannes, ein Gewitter bricht los. Mühsam kämpft sich der junge Mann auf seinem Weg vorwärts. Dann plötzlich, in der Nähe des Ortes Stotternheim, schlägt ein Blitz neben ihm ein. Vor dem inneren Auge des jungen Mannes ziehen Bilder seines bisheri-gen Lebens vorbei: Und all diese Bilder sind begleitet durch die Frage: „Kann ich vor Gott, dem strengen Richter der Welt, bestehen, wenn ich nun vor ihn treten muss?“
In seiner Angst und Not ruft der junge Mann: „Hilf, liebe Sankt Anna, ich will Mönch werden.“ Der junge Mann überlebt und löst sein Ver-sprechen ein. Bald schließen sich hinter ihm die Pforten des Klosters der Augustiner-Eremiten in Erfurt, eines der strengsten Klöster überhaupt. Der Mann fastet, betet, verzichtet auf ausreichend Schlaf und Wärme, studiert die Bibel. Er wird zum Priester geweiht. Aber auch nach der Priesterweihe und trotz allem Bemühen um ein frommes Leben geht der innere Kampf des Mannes weiter. Seine große Lebensfrage bleibt unbe-antwortet. Niemand scheint die Antwort auf die Frage zu wissen, wie man sich einen gnädigen Gott verdienen kann.
Der Mönch wird Theologieprofessor in Wittenberg. Aber sein Ringen um die Antwort auf die Frage, wie man sich Gottes Gnade verdient, geht weiter. Gleichzeitig dringt der Mann immer tiefer und tiefer in das Verständnis der Bibel ein.
Und dann ist es eines Tages soweit. Der Mann studiert den Römerbrief des Apostel Paulus. Und da steht klar und deutlich vor ihm die Antwort auf seine Frage, wie man sich die Gnade Gottes verdienen kann. Der Apostel schreibt in Vers 28 des 3. Kapitels seines Briefes, wie es der Mönch später selbst vom Griechischen ins Deutsche übersetzt: „So hal-ten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Die Last lebenslanger Suche fällt von dem Mönch ab. Die Nacht seeli-scher Qualen weicht dem Licht auch der für ihn neuen und doch so ur-alten Erkenntnis: Nicht ich selbst muss etwas leisten, damit Gott mich liebt. Gottes Gnade bekomme ich geschenkt. Gott selbst sorgt durch Jesus Christus dafür, dass die Menschen vor ihm bestehen können. Der einzige Weg zum Angenommensein durch Gott ist das bedingungslose Vertrauen auf Jesus Christus. Wer Gott vertraut, kann vor ihm bestehen und wird leben.
Als sich diese Erkenntnis bei dem Mönch durchsetzt, wird ihm klar, dass in der Kirche seiner Zeit vieles nicht in Ordnung ist. Am Vorabend des Allerheiligenfestes 1517 nagelt er 95 Lehrsätze gegen den Ablass und für das Evangelium der Gnade Gottes an die Türe der Schlosskir-che von Wittenberg. Dieser 31. Oktober wird zur Geburtsstunde der Reformation.
Geboren am 10. November 1483, nach langem Ringen von allen Zwei-feln erlöst, hält er bis zu seinem Tod am 18. Februar 1546 an seiner Leh-re fest, dass allein das Vertrauen auf Jesus Christus dazu führt, dass ein Mensch von Gott angenommen ist. Er wird nahe der Kanzel in der Schlosskirche zu Wittenberg beigesetzt. So lesen wir heute noch dort auf der Grabplatte seinen Namen: Martin Luther.
Martin Luthers Wirken ist für uns auch über 500 Jahre nach seinem The-senanschlag Vorbild und Hilfe, denn durch ihn wurde das Evangelium von der Liebe Gottes zu uns Menschen verkündet. Wir alle kennen in unserem Leben das Gefühl der Angst. Wir alle suchen nach Geborgen-heit, Sicherheit, Anerkennung wie der junge Martin Luther. Er aber er-innert uns daran, dass wir nicht im Fegefeuer unserer Ängste schmoren müssen, sondern Gott als liebevollen Vater begreifen dürfen. Martin Luther lehrt uns, mit uns selbst und unseren Mitmenschen liebevoll um-gehen, einander zu achten als Gottes geliebte Kinder.

Pastorin Eva-Maria Franke